Moralische Wirklichkeit

Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Die moralische Wirklichkeit ist eine andere. Nicht erst, seitdem der politische Ton rauer, die Stimmen gegen Unrecht und Intoleranz lauter geworden sind. Sondern, weil ein Blick auf die unberührten Randgebiete der Gesellschaft eine ganz andere Diskrepanz offenlegt. Auf der einen Seite haben wir die Verfechter aller Freiheiten, die beherzt ihre Fahnen schwingen und andere in die Pflicht nehmen, auf der anderen Seite hängt das eigene Pflichtbewusstsein ebendieser am Tropf. Herzensgüte wird blind verschossen, so dass am Ende nur leere Worthülsen zurückbleiben. Der Meinende pocht mit Vehemenz auf seine Meinung ohne Sinn und Nutzen, ohne Rücksicht auf alle Begleitumstände. Und die Jugend steigt zum Garanten des Verfalls auf, indem sie die Verrohung der Sprache durch Verkürzelung und Zerstückelung noch weiter befördert: SgDuH (Sehr geehrte Damen und Herren). Am Umstand einer klaren Rechtsverletzung besteht so wenig Zweifel wie im Fall einer eklatanten Vernachlässigung von Pflichten. In der breiten Grauzone der Gesellschaft sind es aber die kleinen Dinge, die über die Beschaffenheit der Moral entscheiden und die Glaubwürdigkeit des Einzelnen auf den Prüfstand stellen, nicht die Extreme.

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