Literatur in Barrieren

Die Frage nach der künstlerischen Bedeutung beginnt schon bei der Definition der eigenen Rolle. Ist man Schriftsteller? Vielleicht sogar Literat? Oder doch nur Autor?

Gemäß Wikipedia ist „Autor jeder, der einen Text, einen Comic oder eine Bildergeschichte gleich welcher Art in welchem Medium auch immer veröffentlicht und dafür Urheberrechte geltend machen kann.“ Weiter heißt es dort: „Mit der Bezeichnung Schriftsteller wird eine gewisse Differenzierung unter Autoren hergestellt, die sich auf … Merkmale ihrer Produktionen stützt.“ Bei den Schriftstellern dahingehend, dass „deren Schriften einen durchaus literarischen Anspruch erheben, ohne sich hierdurch in der Behandlung ihrer Themenbereiche besonderen Einschränkungen zu unterwerfen.“ Ein Literat ist man demnach wohl erst, „wenn man seine Klasse nach mehreren und hochgelobten Werken unter Beweis gestellt hat.“ Dem schließt sich die andere Frage an: Ist die Bezeichnung „Literat“ überhaupt noch zeitgemäß?

Heute redet man entweder von Schriftstellern oder von Autoren, wobei Autor doch irgendwie jeder sein kann, Schriftsteller dagegen nicht. Auch hier hilft Wikipedia, wonach „Autoren, die Wert darauf legen, als Schriftsteller bezeichnet zu werden, dies nicht selten mit einem Leistungsnachweis verbinden, der sich nach der Anzahl ihrer nicht im Selbst- oder Zuschussverlag veröffentlichten Bücher, der Höhe der jeweils verkauften Auflagen und der Aufnahme durch die Rezensenten bemisst. Unterstrichen wird dies auch noch durch die Option, seinen Lebensunterhalt überwiegend oder ausschließlich durch Buchveröffentlichungen zu bestreiten.“ Das ist nur wenig nachvollziehbar, weil dann nämlich der künstlerische Aspekt in den Hintergrund tritt und die künstlerische Qualität einen rein ökonomischen Beiwert erhält. Dies ist schlichtweg unverträglich mit dem Selbstverständnis einer kunstverschaffenden Person, da diese – für einen Schriftsteller (nicht Autor) gleichermaßen geltend – stets dazu neigt, sich als (Wort-)Künstler mit einem erhöhten Anspruch an sich und an ihre Literatur zu betrachten, das ist ihr Ansporn, meist sogar ihr Laster, das sie bedingungslos an- und durchtreibt.

Ungeachtet der im 20. Jahrhundert in verschiedenen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts erarbeitenden Kunstbegriffsdefinitionen (BVerfGE 30, 173, 188 und BVerfGE 67, 213, 225/226) sollte man als Künstler insoweit jeden betrachten, der mit originellen Ansätzen das unbedingte Ziel verfolgt, Barrieren zu durchbrechen. Denn der von Selbstzweifeln und Hochmut durchsetzte Künstler wandelt auf niemandes Spuren, er will Großes herbeiführen, sich mit den wichtigen, gar wichtigsten Themen seiner gesellschaftlichen Gegenwart auseinandersetzen und Akzente setzen sowie Denkanstöße geben, er will die Menschen mit seiner Kunst vereinnahmen und verurteilt „Kunst“ – und in diesem speziellen Fall – „Literatur“ ohne jede Aussagekraft.

Und wenn in der Verlagsbranche dann der immergleiche Ruf nach verkäuflichen Inhalten erklingt, dann fragt sich in der Tat, wo Schriftsteller und Künstler noch eine Heimat finden.

 

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Ungelittene Begeisterung

Es kommt vor, dass viel zu oft, viel zu leichtfertig von Leidenschaft geredet wird. Nicht jeder Begeisterungssturm in einem Menschen ist Leidenschaft, obgleich das Wort Begeisterung in Online-Wörterbüchern gerne auch als Synonym für Leidenschaft gebraucht wird. Leidenschaft aber reicht tiefer, reicht weiter als Begeisterung. Sie ist mehr als der bloße kurzlebige Anflug von Freude und Verzückung. Leidenschaft verleitet zum freiwilligen Leid aus einer unüberwindbaren Bindung zu einer Sache heraus. Oberflächlich betrachtet liegt schon allein das Wort Leiden darin. Geht man auf ihre Herkunft ein, wird die oberflächliche Betrachtung zusätzlich gestützt, denn Leidenschaft ist eine Lehnübersetzung des deutschen Dichters und Schriftstellers Philipp von Zesen, der vor allem auch für seine Verdeutschungen von Fremdwörtern bekannt war; er leitete das Wort im 17. Jh. von französisch passion ab, passion wiederum kommt von lateinisch pati, was wörtlich ebenfalls leiden bedeutet. Wer also nur einen Anflug von Begeisterung empfindet, die nicht über einen Augenblick hinaus reicht, empfindet kein Leid, besitzt somit auch keine Leidenschaft. Denn Leid setzt doch schon voraus, dass man sich mit einer Sache über eine längere Zeitdauer hinweg auseinandersetzt, was im Fall der Begeisterung ja gar nicht erst gegeben ist, weder unter dem Aspekt der Zeit noch unter dem der Auseinandersetzung. Wer für eine Sache leidet, denkt an sie, lebt sie, vertritt sie meistens mehr, selten weniger vehement, ist im Grunde in seinen Gedanken derart mit ihr im Wechselspiel, dass er von der Sache kaum wegkommt. Leidenschaft setzt die Bereitschaft zum Leid voraus, ist also mehr als die einfache Freude über eine Sache. Aus der ungelittenen Begeisterung kann aber eine Leidenschaft erwachsen. Ich bitte daher, Leidenschaft nicht mit Begeisterung zu verwechseln und rufe zugleich zu mehr Leidenschaft auf, weil Leid nicht per se etwas Schlimmes ist, sondern der Antrieb zu etwas Gutem sein kann und in anderen wieder die Bereitschaft entfacht, dem vorgegebenen Beispiel mit Herz und Leidenschaft zu folgen.

Moralische Wirklichkeit

Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Die moralische Wirklichkeit ist eine andere. Nicht erst, seitdem der politische Ton rauer, die Stimmen gegen Unrecht und Intoleranz lauter geworden sind. Sondern, weil ein Blick auf die unberührten Randgebiete der Gesellschaft eine ganz andere Diskrepanz offenlegt. Auf der einen Seite haben wir die Verfechter aller Freiheiten, die beherzt ihre Fahnen schwingen und andere in die Pflicht nehmen, auf der anderen Seite hängt das eigene Pflichtbewusstsein ebendieser am Tropf. Herzensgüte wird blind verschossen, so dass am Ende nur leere Worthülsen zurückbleiben. Der Meinende pocht mit Vehemenz auf seine Meinung ohne Sinn und Nutzen, ohne Rücksicht auf alle Begleitumstände. Und die Jugend steigt zum Garanten des Verfalls auf, indem sie die Verrohung der Sprache durch Verkürzelung und Zerstückelung noch weiter befördert: SgDuH (Sehr geehrte Damen und Herren). Am Umstand einer klaren Rechtsverletzung besteht so wenig Zweifel wie im Fall einer eklatanten Vernachlässigung von Pflichten. In der breiten Grauzone der Gesellschaft sind es aber die kleinen Dinge, die über die Beschaffenheit der Moral entscheiden und die Glaubwürdigkeit des Einzelnen auf den Prüfstand stellen, nicht die Extreme.